Volley Culture: Aus dem einmaligen EM-Erlebnis wird eine kulturelle Erfahrung!

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Anlässlich der 28. Damen Volleyball-Europameisterschaft in Deutschland und der Schweiz zeigt das Sportmuseum Schweiz in Zusammenarbeit mit dem Lotteriefonds des Kantons Zürich und dem Ausrichter der EM die Plakatausstellung VOLLEY CULTURE rund um das Hallenstadion.

von Nico Kielbasa, Zürich

Wer in diesen Tagen unter dem Haupteingang des Zürcher Hallenstadions steht und sich mit einem Ticket Zugang zur Volleyball-Europameisterschaft der Frauen im Innern des Komplexes verschaffen will, wird als allererstes mit einem 15 x 5 Meter grossen, über dem Eingang platzierten Megaposter konfrontiert. Es zeigt diverse Motive aus der Weltkultur des Volleyballspiels. Beispielsweise Volleyball spielende Jugendliche in einem sowjetischen Jugendlager im Jahr 1979. Es ist dies nur ein Teil der zurzeit rund ums Hallenstadion installierten Plakatausstellung VOLLEY CULTURE.
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Für viele der rund 5‘000 heranströmenden Besucher geht dieses erste Plakat in der allgemeinen Reizüberflutung, die im Bereich des Hallenstadions herrscht, als nettes, atmosphärisches Detail in der Menge unter. Falls es überhaupt bemerkt wird. Viele haben auch ein ganz anderes Ziel, wenn sie dorthin gelangen. Nämlich, möglichst schnell Einlass ins Stadion zu finden, ein EM-Programm mit Aufstellungen und Spielplänen zu erhaschen und danach den ihnen auf dem Ticket zugewiesenen Sitzplatzsektor ausfindig zu machen. Hält man jedoch unter den verschiedenen Volleyballmotiven einen Moment inne, nimmt die Eindrücke einen Moment in sich auf und betritt danach das Innere des Hallenstadions, so ändert sich die persönliche Einstellung zum ganzen Event grundsätzlich.

IMG_6917_blog1Wenn man beispielsweise das Teilnehmerfeld der Vorrundengruppe in Zürich betrachtet – Italien, Frankreich, Belgien und die Schweiz – so muss man feststellen, dass es sich um eine ausschliesslich westeuropäische Gruppe handelt. Damit einher geht der augenblickliche Gedanke, dass der Volleyballsport, vor allem in den ersten Jahren seiner Professionalität zwischen 1950 und 1980, von osteuropäischen Teams geprägt war und dass Westeuropa, im Gegensatz zu den letzten Jahren, damals einen äusserst geringen Einfluss auf das Spiel hatte. In Zürich treffen also Frauen aufeinander, die mit ihren Ländern erst im Begriff sind, eine Volleyball-Erfolgsgeschichte zu schreiben, während die Spielerinnen aus Bulgarien, Polen oder Tschechien, die allesamt in Schwerin/D in Gruppe D aufeinandertrafen, ein Land hinter sich wissen, das seit Jahrzehnten an der Entwicklung des Spiels mitgeschrieben hat. Wird im Spiel Belgien gegen Frankreich in Zürich nämlich ein Angriffsball von der 1.96 m grossen Französin Christina Bauer am Netz geblockt, so hat sie diese Idee der Tschechoslowakei zu verdanken, wo die Möglichkeit des Abblockens eines heranfliegenden Balles 1938 erstmals genutzt wurde. Oder wird dieselbe Spielerin im gleichen Match für einen Angriff aus dem Hinterfeld lanciert, so kann man dabei im Hinterkopf behalten, dass solche Angriffe aus der zweiten Reihe erst ab 1974 in Polen praktiziert wurden und dass diese erst von dort aus den Weg ins internationale Spiel fanden.

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Sitzt man also auf Platz 5 in der Reihe 12 des Sektors WO im Hallenstadion Zürich und führt sich das Duell Frankreich-Belgien, das freilich 1:3 ausging, zu Gemüte, so sieht man mehr als einen ständigen Kampf um den nächsten Punkt. Jede Aktion, jedes Baggern, Blocken, Stellen oder Smashen (eine philippinische Erfindung im Jahr 1916!) hält einen eigenen kulturellen und sportgeschichtlichen Hintergrund bereit, den es sich zu erzählen lohnt und dank dem man erst richtig zu beginnen versteht, wie wichtig ein solches Erbe für das Verständnis der Aktualität einer jeden Sportart ist.
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Die Plakate der „VOLLEY CULTURE“-Ausstellung rund um das Hallenstadion sollen noch bis am Mittwoch dabei helfen, diesen Gedankenanstoss zu vollziehen und den Matchbesuchern der Playoff- und Viertelfinalspiele am Dienstag und Mittwoch diese etwas andere Einstellung zum Besuch eines Volleyballspiels zu ermöglichen. Die Ausgangslage für den Dienstag in Zürich ist, wenn man den Kontrast zwischen Ost und West noch einmal aufnehmen will, besonders interessant: Italien trifft auf Polen, Frankreich auf Tschechien. Für eine Auseinandersetzung mit der Weltkultur des Volleyballspiels sollten sich diese Begegnungen besonders gut eignen.

 

 

 

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