Mythos Urin oder Warum Brasilien den Stadionbau verzögert

In seiner Sportmuseum-Kolumne berichtet unser Museumsleiter Gregor Dill regelmässig aus unserem Museum.

Nr. 7: Mythos Urin

Jeder Fussballschwätzer weiss: Taktik ist alles. Aber ist umgekehrt auch alles Taktik? Sportkolumnisten neigen zu einem Ja. Einer unter ihnen, nämlich dieser hier, schreckt sogar vor der Behauptung nicht zurück, die aktuellen Verzögerungen beim Stadionbau für die Fussball-WM in Brasilien seien nichts weiter als Taktik. Er tut dies nicht ohne Grund.

Schliesslich kam das alles schon einmal vor. Die Rückstände beim Stadionbau für das WM-Endrundenturnier 1949 in Brasilien waren so gross, dass der Anlass um ein Jahr vorschoben werden musste. Die Verzögerungen waren für Brasilien ein Segen. Ein Geschenk des Himmels. Sie begründeten eine Fussballmacht, die heute mit fünf Titeln einsam in Führung liegt.

Schweiz WM 1950 Mannschaftsfoto

Warum? Zunächst schaffte es Brasilien nur dank der Baurückstände in die Finalrunde (einen Final gab es 1950 keinen). Nachdem Mexiko im Eröffnungsspiel mit 4:0 klar besiegt worden war, verloren die Brasilianer gegen die Schweiz (siehe Foto) in São Paulo einen Punkt. Im dritten Spiel gegen die starken Jugoslawen, das die Schweiz 3:0 geschlagen hatte, musste zwingend ein Sieg her. Das in Rio neu gebaute Estádio Municipal do Maracanã, damals das grösste Stadion der Welt, war zum Glück noch nicht fertig gestellt. In den Katakomben gab es noch kein Licht. Mitic schlug sich im dunklen Gang zwischen Kabine und Spielfeld derart stark den Kopf auf, dass er verarztet werden musste. Als er ins Spiel eingreifen konnte, stand es schon 1:0 für Brasilien, das sich in der Folge mühsam über die Runden retten konnte.

Das eigentliche Glück ereilte Brasilien im letzten und alles entscheidenden Spiel gegen Uruguay. Ein Unentschieden hätte zum Weltmeistertitel gereicht. Doch es kam anders. Gegen 200’000 Zuschauer drängten sich schon Stunden vor Spielbeginn in den erst 1965 (!) fertig gestellten Stadionbau. Brasilien ging 1:0 in Führung, doch Uruguay schoss noch zwei Tore und bescherte den Gastgebern eine nationale Tragödie, die als Maracanaço in die Geschichte einging. Im eigentlichen Sinne des Wortes entscheidend verschärft wurde das Drama durch den Umstand, dass das Stadion noch über keine sanitären Anlagen verfügte. Die Tragödie vollzog sich im Dunst von geschätzen 100’000 Litern Urin, was der kollektiven Demütigung die traumatische Duftnote verlieh.

Vor 1950 war der Fussball in Brasilien geprägt von Elitarismus und Rassismus reicher Stadtclubs in kolonialer Tradition. Es kam schon mal vor, dass dunkelhäutige Spieler aus der Seleção ausgeschlossen wurden, um Brasilien nicht von „Affen“ repräsentiert zu sehen. Die erschütternde Niederlage von 1950 brachte die Wende. Sie wurde zum uringetränkten kollektiven Mythos einer Brasilianischen Fussballkultur, die nun allen Brasilianern gehörte, und schliesslich als Nährboden eines beispiellosen Erfolgs unter Pelé diente.

Wer dem Brasilianischen Volk seine Fussballkultur streitig macht, stösst, kein Wunder, auf Widerstand. Das bekommen FIFA + Co. heute zu spüren. Und Teams, die im Sommer in unfertigen Stadien gegen Brasilien antreten müssen, werden den taktischen Vorteil des Gegners zu spüren bekommen. Vielleicht sollten sie auch eine Taschenlampe mitführen.

Gregor Dill

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