Rattengift und Brandy

In seiner Sportmuseum-Kolumne berichtet unser Museumsleiter Gregor Dill regelmässig aus unserem Museum.

Nr. 9: Rattengift und Brandy

Der Satz „Die heutige Jugend ist verdorben“ birngt zwei Vorurteile. Ein explizites und ein implizites. Das explizite behauptet, die heutige Jugend sei verdorben. Das implizite unterstellt, sie sei es früher nicht gewesen. Mit dieser Vorbemerkung eröffnete der Sportkulturkolumnist am Weiterbildungstag der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion von vergangener Woche in Lausen seine Ausführungen zur historischen Entwicklung von Sport-Grossanlässen. Wie die „heutige Jugend“ sähen sich diese mit Vorurteilen expliziter und impliziter Art konfrontiert.

Sport-Grossanlässe seien heute von Betrug begleitet. Oder dopingverseucht. Oder politisch vereinnahmt, heisst es beispielsweise. Oder sie seien überorganisiert, was die frischbackene Olympiasiegerin Dominique Gisin jüngst bei ihrem Besuch im Sportmuseum kritisiert hatte. Gisin erzählte von ihren Skirennfahrkolleginnen, die ausserstande wären, im Restaurant eine Speisekarte zu lesen und selbst zu bestellen, weil sie es gewohnt sind, dass Heerscharen an Betreuern und Funktionären dies für sie erledigen.

Das Vorurteil der Überorganisation im Sport lässt sich wohl nicht mir nichts dir nichts vom Tisch wischen, wenn man sich allein der Grösse von Olympiadelegationen nach Abzug der Athletinnen und Athleten vergegenwärtigt. Doch war das früher anders? Waren die Sporttreibenden früher mehr auf sich allein gestellt? Der Blick auf die historische Fotografie einer frühen Tour de Suisse-Austragung lässt es vermuten. Üblicherweise mussten die Fahrer damals mit ihren Reifenpannen selbst klar kommen, die gerne auch mal die Folge absichtlich gestreuter Nägel feindlicher Fans sein konnten. Ein Tour de France-Fahrer musste mal nach einem irreparablen Defekt 6 Km zu Fuss gehen, bevor er die Etappe auf dem Damenrad eines Pfarrers beenden konnte.

Auch der südafrikanische Marathonläufer Len Tau war auf sich allein gestellt, als er am Olympiamarathon von 1904 Ewigkeiten von einem Hund durch ein Getreidefeld verfolgt wurde. Doch es gab auch das andere: Ein anderer Marathonläufer, der US-Amerikaner Thomas Hicks, reiste 1904 mit einem beachtlichen medizinischen Betreuerstab nach St. Louis. Dieser überwachte jeden seiner Schritte und kontrollierte die Ernährung während des Laufs akribisch. Trotz 32 Grad Celsius und staubiger Verhältnisse gab’s statt Wasser alle paar Kilometer nur eine Ration Eiweiss, Brandy und Rattengift, wobei die Brandy-Dosis auf den letzten Kilometern kontinuierlich erhöht wurde. Er gewann Gold. Es war die Geburtsstunde organisationsbetonter Leistungstechnologie im Sport, – und die feine Relativierung eines impliziten Vorurteils.

(Bild: Tour de Suisse 1950, Walter Scheiwiller, Sportmuseum Schweiz)

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