Volleykunst

In seiner Sportmuseum-Kolumne berichtet unser Museumsleiter Gregor Dill regelmässig aus unserem Museum.

Nr. 11: Volleykunst

Edelsteine, Edeltannen und Edelprostituierte sind perfekte Ausführungen ihrer jeweiligen Gattung. Bei manchen Dingen verfügen die Edelversionen über eigenständige Bezeichnungen. Beim Fussball zum Beispiel lautet sie Volleyball.

Im Ballsport gilt: Die direkte Annahme und Weitergabe des Balles ohne Bodenberührung, genannt Volley, ist seine höchste Kunst. Was im Volleyball dem courant normal entspricht, ist im Fussball bloss das Sahnehäubchen und damit, weil der edelste Spielzug, Quelle allen Entzückens.

Als Dennis Bergkamp im WM-Viertelfinale 1998 in Frankreich in der 90. Minute beim Spielstand von 1:1 Kapitän Frank de Boers gefühlten 1’000m-Pass volley annahm und zum Siegtor auswertete, schickte er den Reporter des holländischen Fernsehens in die Endlosschlaufe: „Dennis Bergkamp … Dennis Bergkamp … Dennis Bergkamp … Dennis Bergkamp …“ Das Tor ist berühmt.

Das gilt auch für Klaus Fischers Fallrückzieher vom 16. November 1977 beim 4:1 der Westdeutschen gegen die Schweiz. Das Volley-Tor auf Pass Rüdiger Abramcziks wird heute als Tor des Jahrhunderts gehandelt. Vergleichbar in der Erinnerung festsetzen wird sich Mario Götzes Goldenes Goal im vergangenen WM-Final von Rio. Das Dreifach-Volley-Tor Brust-Fuss-Netz provozierte ähnlich orgastische Kommentare wie Zinédine Zidanes Matchwinner-Volley für Real Madrid im Championsleague-Final 2002 gegen Bayer Leverkusen. Unvergessen!

Volley-Tore sind des Fussballs Krönung, da sie seiner Veredelung, dem Volleyballsport, am nächsten kommen. Folgerichtigerweise ist das berühmteste aller Tore vom Volleyball kaum mehr zu unterscheiden. Als der unfreiwillige Passeur Steve Hodge im Viertelfinale der WM 1986 in Mexico zwischen Argentinien und England den Ball von rechts hoch zur Mitte flankte, hob der argentinische Kapitän, das Mehrfache seiner Körperhöhe von 1m65 überwindend und einen Smash andeutend (vgl. Grafik*), vor 114’580 Zuschauern im Aztekenstadion von Mexiko-City das Leder edelst mit der linken Hand über den blockenden Goalie Peter Shilton hinweg. Das Volley-Tor bescherte den Südamerikanern das Halbfinale und schliesslich den Titel.

Weniger edel an der „Hand Gottes“ war nicht die Irregularität des Treffers sondern der Umstand, dass Maradona sein Traumtor als Rache für den aus argentinischer Sicht verloren gegangenen Falklandkrieg gegen das Vereinigte Königreich gesehen haben wollte, den die Militärjunta vier Jahre zuvor vom Zaun gebrochen hatte und der über 900 Menschen das Leben kostete. Aber wen interessiert das schon? Hauptsache Italien!

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