Das Goldman-Dilemma

In seiner Sportmuseum-Kolumne berichtet unser Museumsleiter Gregor Dill regelmässig aus unserem Museum.

Nr. 13: Das Goldman-Dilemma
Das Vergessen ist die legale Form des Tötens. Gerade im erinnerungskulturschwangeren Sport schlägt es zuweilen gnadenlos zu. Wer spricht heute noch von Oscar Camenzind, dem Velofahrer? Kein Schwein! Immerhin war es „Ösi“ gelungen, dürstende 47 Jahre nach Ferdy Kübler als erst dritter Schweizer den begehrten Weltmeistertitel im Strassenrennen zu erringen.

Ernest Kauffmann WM 1925

Camenzind, der hierfür ein ähnliches Trikot erhalten hatte wie der Schweizer Sprint-Weltmeister von 1925, Ernst Kaufmann (Bild), wurde am 22. Juli 2004 positiv auf Erythropoetin (EPO) getestet, erfuhr am 9. August von seiner Entlassung bei Phonak und gab tags darauf seinen Rücktritt vom Radsport bekannt. Zwar kann die Dopingsünde allein einen Sportler killen. Doch bei Oscar Camenzind kam etwas erschwerend dazu. Die von ihm gewonnene Strassen-WM fand ausgerechnet im Schicksalsjahr des Radsports statt. Während der Tour de France 1998 flog der Festina-Skandal auf, die bis zu diesem Zeitpunkt folgenschwerste Doping-Affäre der Sportgeschichte. Ermittler hatten im französischen Festina-Team, bei welchem unter anderem Laurent Dufeaux, Alex Zülle und Favorit Richard Virenque unter Vertrag standen, grosse Mengen an unerlaubten Substanzen, vor allem EPO, sicher gestellt.

Nachdem Camenzind unbehelligt geblieben war, hielten ihm die Fans die Stange, bejubelten nach dem WM-Titel auch seine grossen Siege bei der Lombardei-Rundfahrt (1998), bei der Tour de Suisse (2000) und beim Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich (2001). Wie, lautet die Frage, konnte der Mann dann aber so „dumm“ sein, sich ausgerechnet mit EPO voll zu pumpen, obschon er ja gewusst haben musste, dass er, wie zuvor seine Kollegen, früher oder später auffliegen und dass damit auch sein WM-Titel aus dem Festina-EPO-Jahr 1998 de facto zu Makulatur würde? Weshalb nahm Ösi den sicheren Sportlertod in Kauf?

Zwischen 1982 und 1995 fragte der US-amerikanische Arzt Bob Goldman im Rahmen einer Studie unzählige Hochleistungssportler, ob sie bereit wären, innerhalb von fünf Jahren zu sterben (und zwar richtig zu sterben!), wenn ihnen die Einnahme einer Droge den Gewinn einer olympischen Goldmedaille sichern würde. Überraschenderweise antworteten rund 50% der Befragten mit Ja, während die entsprechende Kontrollgruppe nicht über eine Ja-Quote von 1% hinaus kam. Offensichtlich ticken Spitzensportler anders, und es besteht der Verdacht, dass das etwas mit dem Erfolg voraussetzenden Fokussieren auf den nächsten Wettkampf zu tun hat, was einen offenbar lebensgefährlichen Scheuklappenblick mit sich bringen kann. Ösi hatte das möglicherweise drauf.

Keine Wunder spielt das sportsoziologisch gut belegte Goldman-Dilemma heute in der Dopingforschung eine wichtige Rolle.

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