Von Pyros

In seiner Sportmuseum-Kolumne berichtet unser Museumsleiter Gregor Dill regelmässig aus unserem Museum.

Nr 15: Von Pyros

Also. Es hat sich so zugetragen: Giovanna, Roli und weitere Klubmitglieder, darunter auch der Sportkulturkolumnist, standen im Historischen Museum vor einer Vitrine. In ihr war ein ausgebrannter pyrotechnischer Gegenstand ausgestellt. Genau genommen eine Seenotfackel. Diese war vor geraumer Zeit in der Muttenzer Kurve abgefackelt worden und exemplifiziert in der Ausstellung «Fussball – Glaube. Liebe. Hoffnung.» (noch bis 16. August) eine unter vielen Analogien zwischen Fussball und Religion.
Man könne sogar sagen, so der Aus­stellungsplot, der christlich­abendländische Fussball sei eine christlich­abendländische Kirche mit Stadien als Gotteshäuser, Reliquien von Fussballern, zum Beispiel die Socke von Massimo Ceccaroni (Bild),

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und eben Pyros, die Kerzen und Weihrauch in einem hergäben. So weit, so gut.
Es war der 14. April, als wir vor dieser Vitrine standen. Zwei Tage zuvor war es im Joggeli gegen den FCZ zu einem Spielunter­bruch wegen Pyros gekommen. Unter Rolis Fingernägeln waren sie noch nicht ganz erloschen: «Was? Pyros sollen religiöse Versatzstücke sein? Das war vielleicht früher mal so! Heute werden sie als Waffe eingesetzt! Das hat nichts mit friedlicher Religion zu tun!» Giovanna: «Seit wann sind Religionen friedlich? Fast jeder Krieg, der angezettelt wird, hat religiöse Hintergründe!» Der Disput in der Barfüsserkirche dauerte keine drei Minuten und endete im Konsens: Pyros werden heute als Waffe eingesetzt. Sie können einen religiösen Hintergrund haben. Religionen müssen nicht friedlich sein.
Das Problem: Der Konsens kolportiert ein Bild ausschliesslich friedlichen Abfackelns von Pyros in früheren Zeiten. «Mitnichten», meint Marco, der jüngst im Sportmuseum für eine wissenschaftliche Arbeit über die Kulturgeschichte von Pyros in Fussballstadien recherchierte. «Man denke bloss an die Partie des FCZ gegen Manchester United vom 2. August 1969.» Die Zeitung «Sport» berichtete von 17 000 Fans, die im Letzigrund ein 1:9 der Zürcher gegen den Europacup­ Sieger von 1968 verfolgen mussten. Der Gastgeber «blieb in der Inferiorität stecken», und das Spiel versank im Chaos: «Zweimal Hund im Spielfeld. Raketen gefährdeten Spieler und Zuschauer. Belästigung der Eng­länder nach Spielschluss, dazu Feuerwerk auf dem Rasen. Ungenügend: Platzdienst, Speaker, Bedienung der Resultatetafel. (…) Die Gesundheit von Menschen wurde auf fahrlässige Weise aufs Spiel gesetzt – es ist purer Zufall, dass es nicht Schwerverletzte gegeben hat. Selbst auf der Tribüne schlugen Raketen ein. Nur mit Verhaften und Verurteilen der Täter ist hier noch eine Umkehr der Vernunft denkbar…»
Übrigens: Es war ein Freundschaftsspiel.

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