Sportkolumne 08.09.2016 – Volksstimme: Ceausescus Liebling

20160908_volksstimme-bildDie Olympischen Spiele sind Geschichte, die Olympiade hingegen hat eben erst begonnen, neigt der Spitzfindige zu sagen. Denn Olympiaden nennt man die Zeitspanne zwischen zwei Olympischen Spielen, nicht
die Spiele selbst. Eigentlich überhaupt kein Grund für das folgende Olympiarätsel, das wir aber trotzdem stellen. Es betrifft die 1976er-Sommerspiele von Montreal. Sie erinnern sich: 16 afrikanische Verbände verzichteten auf eine Reise nach Kanada, weil Neuseeland zuvor den
internationalen Sportbann gegen den Apartheid-Staat Südafrika gebrochen hatte. Die «All Blacks», wie die neuseeländische Nationalmannschaft gerufen wurde – was im Zusammenhang mit dieser Geschichte besonders lustig ist – hatten gegen die Rugby-Nationalmannschaft vom Kap gespielt.
Und Sie erinnern sich auch an den Basler Geri Waldmann, dem vor seinem Start über 1500 Meter Freistil das Brillenband riss, was ihn nicht daran hinderte, mit 15:06 Minuten halb blind einen Schweizer Rekord zu
schwimmen, der bis 1982 hielt und an den Spielen von München 1972 noch Bronze bedeutet hätte. Jetzt aber zum Rätsel: Warum gewann die Rumänin Nadia Comaneci mit lausigen 1,00 Punkten in Montreal Gold am Stufenbarren?

A: Der Liebling von Nicolae Ceausescu* stürzte und konnte seine Übung nicht fortsetzen. Comaneci erhielt das Minimum für den Antritt. Der Rest des Feldes wurde wegen
Dopings disqualifiziert.
B: Comaneci erhielt als erster turnende Mensch die dahin als unerreichbar geltende Höchstnote von 10,00 Punkten. Die Anzeigetafeln verfügten aber nur über drei Ziffern, was vorübergehend für Verwirrung sorgte.

Bild: Mit Ehefrau Elena beim sportlichen Bad. Elena, die eigentlich Lenuta hiess, war Vorsitzende der rumänischen Akademie der Wissenschaften und galt im Land offiziell als «Gelehrte von Weltruhm», obschon sie die Schule im Alter von 14 Jahren verlassen hatte. Sie war ausserordentlich eifersüchtig
und duldete keine andere Frau in der Nähe des Diktators. Also auch nicht Nadia Comaneci. Dass die Kunstturnerin den Zweitnamen Elena trug, verschärfte die Situation. All das führte dazu, dass Comaneci trotz
ihres Status als Liebling von Ceausescu von diesem auf Distanz gehalten wurde und keine nennenswerten Privilegien genoss, was mit ein Grund dafür war, weshalb sie 1989, einen Monat vor der Rumänischen Revolution, die Nicolae und Elena bekanntlich den Kopf kostete, über Ungarn und
Österreich in die Vereinigten Staaten floh.
Gregor Dill

Die Kolumne erschien in der Volksstimme vom 8. September 2016

 

Richtige Antwort: B.

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