Volksstimme – 21.3.2017

Anbei findet ihr die Kolumne von unserem Museumsleiter Hans-Dieter Gerber,
die einmal im Monat in der Volksstimme erscheint. Heute mit einem aus dem Leben gegriffenen Beispiel von Verbindung von Wissenschaft, Alltagskultur und Sport:

Penalty

Ein Paar Schuhe der Marke Penalty. Bild: Sportmuseum Schweiz

Ein Paar Schuhe zeigt, dass Sport eng verknüpft ist mit Alltagskultur und spannende Geschichten ausserhalb von Wettkämpfen zu bieten hat.
Von Hans-Dieter Gerber, Co-Leiter Sportmuseum Schweiz

„’Pinätsch‘ heissen die Schuhe, also Penalty“, erzählt Thomas, der Überbringer des jüngsten Sammlungseingangs im Sportmuseum Schweiz. Die Eltern haben die Schuhe 1975 im Dorf Schlossrued, Kanton Aargau, im Schuhhaus Bühlmann für ihren sportbegeisterten Sohn gekauft, der sie in der Jugendriege wie viele seiner Freunde als Sport- und Fussballschuhe trug. „Es waren die billigsten Sportschuhe. Markenschuhe konnten sich nur wenige leisten. Wegen der harten Spitze eigneten sich die Schuhe beim Fussball perfekt für „Spitzguugen“ (Kick mit der Fussspitze). Und ja, manchmal wurden wir Pinätsch-Träger gehänselt“, berichtet Thomas weiter.

„Wenn du brav bist, darfst du deine ‚Knöcheli‘ anschauen!“

Das Schuhhaus Bühlmann in Schlossrued hatte eine Attraktion zu bieten, die Kinder und Eltern in den Laden lockten: ein Pedoskop. Das war ein Röntgenapparat, mit dem die Passform der Schuhe geprüft wurde. Die Kunden steckten unten an dem Kasten ihre Füsse in eine Öffnung und durch drei Gucklöcher oben konnten drei Personen die Position der Füsse in den Schuhen betrachten. Wenn Thomas brav war, durfte er als Belohnung seine Fussknochen im Schuhladen anschauen – ganz ohne Schuhkauf.

Verwissenschaftlichung des Körpers

Mit der biomechanischen Analyse der Füsse und den Erkenntnissen zum idealen Ablauf des Bewegungsapparats im frühen 20. Jahrhundert wird auf wissenschaftlicher Basis ein Standard für gesunde Schuhe geschaffen. Anhand von Röntgenbildern geraten dabei „Fussdeformitäten“ als Folge unpassender Schuhe ins Blickfeld. Die Schuhhersteller kreieren als Antwort darauf Gesundheitsschuhe. Weil gleichzeitig massgefertigte durch massenproduzierte Schuhe abgelöst werden, ist das fachgerechte Anpassen im Schuhladen von grosser Bedeutung.

Werbung und Wissenschaft

Die Firma Bally setzt bereits in den 1930ern auf das Pedoskop, um gesunde Schuhe zu bewerben. Dass die Schuhverkäufer dabei in eine ärztliche Rolle schlüpfen, ist kein Zufall. Im Schuhladen kommen so Wissenschaft und Alltag zusammen, aber die schädlichen Röntgenstrahlen werden vorerst ignoriert. Mitte der 1960er gibt es 800 Apparate in der Schweiz, die erst allmählich ausser Betrieb genommen werden. Das letzte Gerät wird 1989 endgültig abgeschaltet. Für den Schuhmacher in Schlossrued kommt dies zu spät. Er sei an Krebs gestorben, schliesst Thomas seine Geschichte. Ob dies eine Folge der Strahlung des Pedoskops war, ist nicht erwiesen.

2 Kommentare zu “Volksstimme – 21.3.2017

  1. Eine nette Geschichte vom Dr. Gerber strahlende nicht radioaktive Grüsse ans Rheinknie!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Aktuell

Dran bleiben