Volksstimme – 22.06.2017

Anbei findet ihr die Kolumne von unserem Museumsleiter Hans-Dieter Gerber,
die einmal im Monat in der Volksstimme erscheint. Letzte Woche schrieb er über das Velo als Schlüssel zu etwas mehr Freiheit für die Frauen:

Frauen in Männerhosen

Werbung für Radfahrerinnen-Korsett, ca. 1900. Bild: Sportmuseum Schweiz

Aus Anlass des 200jährigen Jubiläums des Laufrads lohnt
sich ein Blick auf die Bedeutung des Fahrrads für Frauen gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

„Das Radfahren bringt rasch eine veränderte Einstellung gegenüber den Frauen und ihren Fähigkeiten. Eine Frau zu Rade ist ein unabhängiges Geschöpf und frei, überallhin zu gehen, wohin sie nur will.“ Dies berichtet der Minneapolis Tribune im Jahr 1894. In den zwanzig Jahren davor treten Frauen auf Fahrrädern sehr selten auf, oft als Artistinnen, die als Showgirls zu Männer-Wettrennen touren. Die Hochräder, die ab den 1870er Jahren in Mode sind, dienen vor allem jungen, reichen Männern, ihren Wagemut auf den schwierig zu fahrenden Vehikeln unter Beweis zu stellen. Moralisch ist es in dieser Zeit undenkbar, dass Frauen ihre schweren Röcke und ihre beengenden Korsagen ablegen und auf Hochräder steigen.

Ab 1885 löst das Niederrad das Hochrad ab. Diese Velos sind sicherer und erschwinglicher als Hochräder. In den USA brechen eine Reihe von Frauen mit der herrschenden Kleiderordnung und schwingen sich aufs Rad. Miss Gyda Stephenson gehört zu diesen Pionierinnen und radelt in Bloomerhosen – an den Knöcheln gebunde bauschige Hosen – zu ihrem Arbeitsort an der Humboldt School in Chicago. Weil sie die Hosen auch während des Unterrichts trägt, wird sie kritisiert, dass Frauen in Hosen im Schulzimmer unpassend seien. Die Schulbehörde lässt verlauten, dass sie keine Kleiderordnung erlasse, ausser die Kleidung sei „eindeutig unmoralisch“. Dagegen wird drei Lehrerinnen in Long Island untersagt, mit dem Rad zur Schule zu fahren. Der Grund ist natürlich die Kleidung: „Sie könnten ebenso gut Männerhosen tragen“, schreibt eine Zeitung.

Auch in Deutschland befürchtet man den Verlust der Weiblichkeit, „weil Frauen in Hosen die Männer imitierten.“ Es überwiegt der kaum sichtbar geteilte Rock, mit dem Frauen Velos mit Querstange zwischen Sattel und Lenker fahren können. Schliesslich werden Damenräder hergestellt, bei denen die entsprechende Querstange weggelassen wird und die mit Rockkostümen – der Rock ist etwas kürzer als üblich und endet oberhalb der Knöchel – gefahren werden können.

Radelnde Frauen stellen grundsätzlich Verhaltenskonventionen in Frage. Gemäss einem Handbuch für Radfahrerinnen (1897) sollen Frauen nur Ausfahrten „in Gesellschaft von Familien- und Vereinsmitgliedern machen.“ Wenn eine Frau ermüdet oder ihr Fahrrad defekt ist, soll niemand Anstoss finden, wenn sich die Frau „entgegen den sonstigen gesellschaftlichen Regeln von einem Herrn allein nach Hause begleiten lässt.“

Lessing, Hans-Erhard. Das Fahrrad. Stuttgart 2017.

 

Von Hans-Dieter Gerber, Co-Leiter Sportmuseum Schweiz

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